Licht ins Dunkel: Abnahmeprüfzeugnis 3.2 nach EN 10204 - Lieferkette wird immer komplexer

12/05/2015

Immer öfter müssen Hersteller für Werkstoffe, die sie im Bereich von sicherheitskritischen Druckgeräten verwenden, nachweisen, dass diese die erforderlichen chemischen und mechanischen Eigenschaften erfüllen. Hierzu hat sich die Verwendung der Norm EN 10204: 2004 für Prüfbescheinigungen für metallische Erzeugnisse immer stärker durchgesetzt, auch außerhalb der Europäischen Union. Als unabhängige Gesellschaft, die Third-Party-Abnahmen durchführt, arbeitet Lloyd‘s Register daran, die Hersteller über die Mythen rund um das Abnahmeprüfzeugnis 3.2 nach EN 10204 und die damit verbundenen Prüfverfahren aufzuklären.

Immer öfter müssen Hersteller für Werkstoffe, die sie im Bereich von sicherheitskritischen Druckgeräten verwenden, nachweisen, dass diese die erforderlichen chemischen und mechanischen Eigenschaften erfüllen. Hierzu hat sich die Verwendung der Norm EN 10204: 2004 für Prüfbescheinigungen für metallische Erzeugnisse immer stärker durchgesetzt, auch außerhalb der Europäischen Union.

Float - material certificationAls unabhängige Gesellschaft, die Third-Party-Abnahmen durchführt, arbeitet Lloyd‘s Register daran, die Hersteller über die Mythen rund um das Abnahmeprüfzeugnis 3.2 nach EN 10204 und die damit verbundenen Prüfverfahren aufzuklären.In der EN-Norm sind zwei Arten von Prüfbescheinigungen aufgeführt:

3.1: Ein vom Hersteller ausgestelltes Dokument, das erklärt, dass die gelieferten Erzeugnisse mit den Anforderungen der Bestellung übereinstimmen, was durch den Nachweis von Prüfergebnissen des Herstellers belegt wird. Das Dokument wird durch den von der Fertigungsabteilung unabhängigen Abnahmebeauftragten des Herstellers bestätigt.

3.2: Ein sowohl vom Hersteller als auch von einem unabhängigen Dritten (Third-Party-Prüfer) erstelltem Dokument, in dem beide erklären, dass die gelieferten Erzeugnisse mit den Anforderungen der Bestellung übereinstimmen, und in dem auch spezifische Prüfergebnisse enthalten sind. 

Das Ziel des Abnahmeprüfzeugnisses 3.2 besteht in der unabhängigen Überprüfung der Werkstoffkonformität entlang der gesamten Lieferkette, zurück bis zum Stahlhersteller.

Zuerst ein wenig Geschichte ...

Die EN 10204 wurde erstmals 1991 veröffentlicht, auf Grundlage der deutschen Norm DIN 50049 „Prüfbescheinigungen für die Lieferung von metallischen Erzeugnissen“. Damals richtete sie sich an Stahlhersteller. Seither ist die Lieferkette für Stahl komplexer geworden. Kleinere Hersteller greifen auf Stahlhändler zurück, da diese die kostengünstigere Lösung für die vergleichsweise kleinen Bestellungen von nach EN 10204 zertifizierten Werkstoffen darstellen. 

Stahlhändler sind auch bei der Lieferung von Metall für Anlagen zur Öl- und Gasförderung auf dem Meeresgrund stark eingebunden, wo die Rückverfolgbarkeit und die Eigenschaften von Metallen zu einem Hauptanliegen in Bezug auf die Sicherheit geworden sind.

Frustration in der Branche

Im vergangenen Frühjahr haben in Großbritannien Experten von Lloyd‘s Register Druckgerätehersteller und Stahlhändler zu einer Besprechung über das Abnahmeprüfzeugnis 3.2 eingeladen. Kunden wie Alstom Power Thermal Services und Sulzer Pumpen präsentierten ihre Sicht auf die Anforderungen der Norm EN 10204. 

Ein Vortragender drückte seine Frustration über ausländische Lieferanten aus, deren Rohre und Formstücke auf dem Papier den Spezifikationen entsprechen, bei der Prüfung im Labor jedoch durchfallen. Dies ist auf mehrere Sachverhalte zurückzuführen, z.B. auf Prüfbescheinigungen, die entweder verändert wurden oder ohne entsprechende Genehmigung mit Kennzeichen von Zertifizierungsstellen versehen waren. In der Branche gab es ebenfalls Bedenken, dass die EN 10204 in ihrer derzeitigen Form nicht mehr anwendbar ist, weil komplexe Lieferkettenverarbeitungswege und komplexe Mehrkomponentenbaugruppen zertifiziert werden müssen.

Das Ziel: Rückverfolgbarkeit

Ein korrektes Abnahmeprüfzeugnis 3.2 beinhaltet Besuche beim Hersteller zur Third-Party-Abnahme mit Sichtprüfung, eine Kontrolle der Abmessungen und die Bestätigung, dass das Material bis hin zur chemischen Schmelzanalyse rückverfolgbar ist und dass seine Eigenschaften die Anforderungen der Spezifikation erfüllen. Der Prüfingenieur würde auch das Prüflabor besuchen, um geeigneten mechanischen Prüfungen beizuwohnen.

Händler kontra Hersteller? 

Bei Stahlhändlern und Weiterverwendern können sich Fragen nach Rückverfolgbarkeit und Inspektionsanforderungen ergeben. Nimmt der Händler zum Beispiel materialverändernde Verfahren an gemäß 3.1 oder 3.2 zertifizierten Werkstoffen vor, gilt der Händler danach als Hersteller. Dies bedeutet, dass der Werkstoff dann gemäß 3.2 zertifiziert/re-zertifiziert werden kann.

„im Sinne von" kontra „in Übereinstimmung mit"

Aber was passiert, wenn der Händler bzw. Weiterverwender dem Werkstoff lediglich eine neue Form gibt, z. B. durch Zersägen von 3.1-Material von einem Hersteller? Die Norm ist in solchen Fällen nicht eindeutig. 

Lloyd‘s Register würde in diesem Fall den Stahlhändler bzw. Weiterverwender nicht als Hersteller ansehen, könnte aber das Material in der gleichen oder einer ähnlichen Art überprüfen, und in der Umstempelbescheinigung würde der Begriff „im Sinne von" 3.2 verwendet. Dies manifestiert den Unterschied zwischen einer echten 3.2-Abnahme bei einem „eigenschaftenverändernden“ Hersteller und dem Weiterverkauf nicht modifizierter Werkstoffe und entspricht somit der Norm EN 10204, welche nur Hersteller spezifiziert. 

Ob eine Umstempelbescheinigung im Sinne von 3.2 angemessen ist, sollte vor Beginn der Arbeiten mit dem Käufer abgestimmt werden. Wir hatten Fälle, in denen der Endkunde den Passus „im Sinne von" 3.2 nicht akzeptiert hat. 

Mythen über 3.2

Einer der Mythen, die sich hartnäckig halten, besagt, dass unabhängige Third-Party-Prüfer für eine 3.1-Bauart-Bescheinigung nur die Unterlagen beim Händler prüfen müssen und dann nach 3.2 bescheinigen können. Lloyd‘s Register erkennt diese Vorgehensweise nicht an, da sie weder die Rückverfolgbarkeit des Materials noch dessen Eigenschaften überprüft. 

In anderen Fällen haben Kunden das Prüflabor aufgefordert, auf ihrem Prüfbericht den Begriff „EN 10204 3.2“ hinzuzufügen. Dies entspricht nicht der Norm, da das Prüflabor kein Hersteller oder unabhängiger Third-Party-Prüfer ist, der ein Abnahmeprüfzeugnis 3.2 ausstellen kann. Dies schafft auch Verwirrung, da die Kunden dann annehmen, dass der Bericht des Prüflabors alles ist, was für eine 3.2-Bescheinigung gefordert wird.

Lloyd´s Register hat sich zum Ziel gesetzt, seine Kunden in Bezug auf die 3.2-Bescheinigung zu beraten und aufzuklären, damit die Branche über einen übereinstimmenden Ansatz und eine einheitliche Auslegung der Norm verfügt. Auf diese Weise sollte der Wert der Prüfbescheinigung 3.2 nach EN 10204 als Nachweis für eine wirksame, unabhängige Überprüfung von Werkstoffen gesteigert werden.

Für weitere Informationen über die Besprechung in Großbritannien und zum Herunterladen der Präsentation klicken Sie hier.


Über den Verfasser: David Thompson ist Senior Surveyor des Inspection Services Office von Lloyd’s Register Energy in Coventry. Er ist seit 2008 bei Lloyd‘s Register, ein diplomierter Werkstoffingenieur und staatlich geprüfter Ingenieur. Vor seiner Tätigkeit bei Lloyd‘s Register arbeitete er 23 Jahre lang bei GKN und war an der Qualitätskontrolle, Zertifizierung, Forschung und Entwicklung von Automobil-Gussteilen beteiligt. 





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